Syarif Osman von Marudu

Syarif (= Sharif) Osman herrschte spätestens ab den frühen 1830er Jahren über Marudu, einen thalassokratischen Staat im Norden von Borneo. Das Gebiet umfasste die Bucht von Marudu, benachbarte Flusssysteme und vorgelagerte Inseln. Sein Einfluss dehnte sich bis an die Grenzen der Sultanate Brunei und Sulu aus. Man kann sagen, dass Osmans Gebiet ungefähr das heutige Sabah (Malaysia) umfasste, allerdings noch ein wenig darüber hinaus ragte, z. B. Palawan. Unter Syarif Osman erblühte Marudu zu einem eigenständigen und unabhängigen Reich, das vom Handel lebte und Sicherheit bot.

In der Bucht von Marudu besaß Osman eine Festungsanlage am Langkon. Sie war gut gerüstet und konnte verteidigt werden. So befand sich vor der Anlage eine große Barriere aus Baumstämmen und Eisenketten im Fluss, die Angreifer von See aus stoppten. Seine Flagge war rot und zeigte einen Tigerkopf.

Syarif Osman trieb Handel mit benachbarten Staaten, er stand auch im Kontakt mit den Briten und Spaniern, die benachbarte Kolonialherren waren. Auch war er befreundet mit hochrangigen Adligen aus Sulu und Brunei, so stand er mit dem Premierminister Pengiran Usop von Brunei in freundschaftlichem Kontakt. Mit einer Tochter des Sultans von Sulu war Osman sogar verheiratet und mit deren Bruder, dem designierten Thronfolger, befreundet. Er hatte sich ein Netz aus guten Verbindungen und ihm verpflichteten Anführern aufgebaut. Dieses wurde ihm zum Verhängnis, denn James Brooke, der 1842 offiziell Sarawak für den Sultan von Brunei verwalten durfte, konnte keine Konkurrenz dulden. Brooke arbeitete zu der Zeit an der totalen Kontrolle über Brunei und setzte dazu Pengiran Usop ab und einen ihm ergebenen Verwandten des Sultans anstelle von Usop als Premierminister ein. Da Syarif Osman kein Untertan von Brunei war, konnte Brooke seiner nicht habhaft werden. Er griff zu einem ziemlich niederträchtigen Mittel, indem er Osman als Piraten bezichtigte, damit die britische Marine ihn bekämpfen würde. Als Beweis wertete er Havarien, die er Osman als Piratenakt unterschob. In Briefen an Offiziere und Amtsvertreter wiederholte er seine Vorwürfe so lange, bis sich Admiral Cochrane genötigt sah, Marudu als Piratennest anzusehen und zu vernichten. Das geschah am 19. August 1845. An jenem Tag schossen nach einer einstündigen Belagerung die Briten Marudu in Grund und Boden, plünderten es anschließend und schossen die letzten Flüchtenden nieder.

So wurde Syarif Osman in der britischen Geschichtsüberlieferung als Pirat dargestellt, Marudu als Piratennest. Doch selbst britische Zeitgenossen und sogar Freunde von Brooke hegten ihre Zweifel, da Brookes vermeintliche Beweise von Piraterie bei genauerer Untersuchung jedweder Grundlage entbehren. Inzwischen hat sich das Bild Syarif Osmans in der neueren Geschichtsschreibung geändert. Er wird gerade in der malaysischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte als jemand angesehen, der isch tapfer, aber verbends gegen die übermächtigen Briten zur Wehr gesetzt hat. In Marudu gibt es eine Vielzahl an Legenden über ihn.

Ich habe mich lange mit der Geschichte Marudus und Syarif Osmans auseinandergesetzt und eine Doktorarbeit darüber geschrieben. Sie ist in englischer Sprache veröffentlicht worden. Einige meiner Ergebnisse werde ich auf dieser Page zur Verfügung stellen. Wer das Buch "Marudu 1845 - The Destruction and Reconstruction of a Coastal State in Borneo" (Hamburg 2003) erwerben möchte, möge mir schreiben: Bianca[at]Mompracem.de