Historisch-kartographische Analyse

Die Existenz Mompracems ist auf alten Landkarten und Globen seit dem frühen 16. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert bestätigt, und zwar als große Insel in ziemlich markanter Position. Allerdings varriert die Lage: Entweder liegt sie dicht an der Insel Labuan oder irgendwo im Ozean vor der Nordwest-Küste Borneos und damit weit entfernt von Labuan. Auf Karten des 20./21. Jahrhunderts erscheint sie nicht. Daher wurde lange Zeit davon ausgegangen, der Inselname sei der Fantasie Emilio Salgaris entsprungen. Salgari hat sich unter anderem an einer Karte von Friedrich von Stülpnagel orientiert, der eine Südostasienkarte in den ersten vier Edtionen von Stielers Hand-Atlas (1831 - 1864) veröffentlicht hat. Diese Insel Mompracem liegt hier ungefähr 120 Kilometer westlich von Labuan.

Robert Nicholl (1976: 104), der sich intensiv mit historischem Kartenmaterial zu Südostasien und insbesondere Borneo auseinandergesetzt hat, identifizierte Mompracem aufgrund der strategischen Lage mit der heutigen Insel Keraman (Kuraman). Diese Insel liegt knapp fünf Kilometer südwestlich von Labuan und in ihrer unmittelbaren südlichen Nachbarschaft befinden sich die kleineren Inseln Rusukan Besar und Rusukan Kecil (Groß und Klein Rusukan). Die Lage der Insel passt also nicht zu der Beschreibung von Salgari. Schon Spagnol (1982: 160) hat erkannt, dass es sich bei den Karten, die Salgari konsultiert hat, um Informationen aus zweiter Hand handelt und sich so die Fehler erklären lassen, die ihm unterlaufen sind. Tatsächlich liegt dieser Fehler in der Überlieferung des Kartenmaterials begründet.

Die Portugiesen waren die ersten Europäer, die im 16. Jahrhundert häufig vor Ort in Brunei waren, gerade diese Gegend bei der Brunei-Bucht wurde von ihnen gut kartografiert. Sie suchten eine Handelsroute zu den Gewürzinseln (Molukken), diese Route führten an der Nordwestküste Borneos vorbei. In Brunei machten sie häufig halt, wie Nicholl 1975 gut dokumentiert hat. Es war für die Navigatoren wichtig, dass die Karten in Bezug auf die Lage von Inseln und Untiefen verlässlich waren. Außerdem waren sie so wertvoll, dass sie nicht außer Landes geschafft werden durften. Weil der Handel mit Gewürzen sehr lukrativ war, wurden diese Karten als großer Schatz gehütet, damit keine andere europäische Seemacht diesen Handel streitig machen konnte. Dennoch passierte es immer wieder, dass Material preisgegeben und von anderen Kartenzeichnern kopiert worden ist.

Die Portugiesen haben Mompracem exakt dort eingezeichnet, wo heute Keraman liegt. Zuweilen haben sie auch nur Mompracem per Namen eingezeichnet und die eigentlich größere Nachbarinsel Labuan unbenannt gelassen, denn Mompracem war aus navigatorischen Gründen sehr wichtig: Von hier mussten sie ostwärts in die Bucht von Brunei abbiegen, sie war also ein markanter Wegweiser für sie.

Der Name der Insel variiert, unter anderem tauchen zunächst Mopiasem, Mopalaca, Mopracam und Mon Pratem auf, der Name Keraman dagegen gar nicht. Auch Labuan hieß, falls die Insel per Namen eingezeichnet war, auf portugiesischen Karten anders, nämlich „Pulo Tigao“. Pulo (pulau = Insel) Tigao und Mompracem liegen immer nebeneinander – so wie später Labuan und Keraman. Sowohl Pulo Tigao als auch Mompracem werden konsequent von den Portugiesen, die vor Ort waren, vor der Bucht von Brunei liegend eingezeichnet. Nicholl schreibt in seiner Kartographie-Untersuchung von 1976, dass die portugiesischen Karten für 200 Jahre unübertroffen blieben.

Die Niederländer, die ebenfalls am Gewürzhandel stark interessiert waren, versuchten früh, an das wertvolle Kartenmaterial zu gelangen, was nur illegal gelang und teilweise über Hörensagen weitergereicht wurde. Der flämische Geograph Ortelius veröffentlichte bereits 1574 eine Karte, die sehr rudimentär und mit einigen Fehlern behaftet ist, gerade was Borneo betrifft. So befindet sich zum Beispiel der Name des höchsten Berges Kinabalu im Bundesstaat Sabah neben einer Inselgruppe südlich von Borneo, die Insel Natuna liegt dort, wo eigentlich Labuan liegen sollte, und „Mompiasti“ befindet in etwa auf der Höhe von Gaya. Einer der bekanntesten Kartographen, Gerardus Mercator, hat sich an Ortelius orientiert, später griff Hondius auf das Material der beiden zurück. Dabei erschien die Lage der Insel an verschiedenen Positionen.

Insgesamt kam es zu zwei verschiedenen Überlieferungen, was die Lage der Insel Mompracem anbelangte: als Nachbarinsel von Labuan oder als Insel irgendwo weiter entfernt von Borneo, oft als Feld mit Punkten. Der Niederländer Johannes van Keulen hat diese Diskrepanz vermutlich bemerkt und dadurch zu lösen versucht, indem er auf seiner Karte "Nieuwe Afteekening van 't Eyland Borneo" (1740) die Insel Mompracem zweimal einzeichnete: einmal als Insel Monpracem und einmal als Untiefe Monpraly, in direkter Nachbarschaft zur Insel Monpracem gelegen. Man sieht auf dieser Karte "Pula Tigaou of Victoria I.", was wiederum Labuan ist. Südlich davon befindet sich Mompracem, der Name taucht direkt unter der Insel Labuan auf. Mompracem ist hier eine deutlich kleinere Insel als Labuan. Südlich von der Insel befindet sich zwei kleine Inseln, das sind die heutigen Rusukan-Inseln. Diese vier Inseln bilden ein für mich typisches "Inselbild", das häufig so auf den Karten auftaucht und der heutigen Anordnung "Labuan - Keraman - Rusukan Besar - Rusukan Kecil" entspricht. Direkt im Anschluss nach Süden hin sieht man auf der Karte von 1740 einen zweiten Namenszug, der lautet: "Momprahy" oder "Momprasty". Ich kann die ersten sechs und den letzten Buchstaben identifizieren, dazwischen befinden sich ein oder zwei andere Buchstaben, die schlecht lesbar sind, also "MompraXXy". Auffällig ist, dass dieser Namenszug in einem Feld steht - quergeschrieben. Schaut man sich die Lage an, so korrispondiert "Mompracem" mit der Lage der Insel Keraman, während "MompraXXy gegenüber von der Brunei-Küste zwischen Kuala Baram und Muara liegt. Das eingezeichnete Feld deutet auf eine Untiefe hin.Tatsächlich hat man auf späteren Karten oft eine gestrichelte Linie/ovales Gebilde bei dem Namen Mompracem.

Die Niederländer übernahmen die Vormachtstellung in Südostasien und den Gewürzhandel zu Beginn des 17. Jahrhunderts, doch besuchten sie Brunei und Borneos Westküste nicht, bis auf den Besuch von Admiral van Noort 1600. Folglich kopierten sie beim Anfertigen ihrer Südostasien-Karten die Inseln und Namen Nordwest-Borneos. Sie konnten hier nicht auf eigene Erfahrungen durch ihre Seeleute oder Händler zurückgreifen. Die vielen Fehler erklären sich durch das Kopieren und die mangelnde Einsicht vor Ort.

Auch Kartenzeichner anderer Nationen wie die Franzosen und die Deutschen fertigten Kartenmaterial und Atlanten zu Südostasien an und, da sie selbst nicht vor Ort waren, griffen dabei auf die gängigen Karten der Niederländer zurück, zumeist auf Karten in der Tradition von Ortelius und Mercator. Dieses setzte sich bis ins 19. Jahrhundert so fort, und Mompracem wird zumeist irgendwo im Meer platziert.

Um die Lage Mompracems zu bestimmen, sollte man sich also auf die portugiesischen Karten konzentrieren. Erst wieder die Briten begannen im 19. Jahrhundert mit einer Kartografie, die sich auf Erfahrungen vor Ort stütze (Ausnahme: John Jesse von der Trading East India Company war 1775 vor Ort.) Mit einem Vertrag von 1824 wurde Südostasien zwischen den Briten und den Niederländern in Einflusssphären aufgeteilt. Das heutige Indonesien geht auf die niederländischen Besitztümer zurück, Malaysia auf die britischen. Die Insel Labuan wurde 1846 von den Briten annektiert. Die Admiralität hatte diese Gegend bereits einige Jahre zuvor besucht, um James Brooke zu unterstützen, der ab 1840 in Sarawak lebte und 1842 als weißer Radschah von Sarawak vom Sultan von Brunei bestätigt wurde. Auf den Karten dieser Briten, die in die Angelegenheiten in Borneo involviert waren, heißt die Insel südwestlich von Labuan, die früher bei den Portugiesen unter Mompracem fungierte, Keraman bzw. Kuraman. Auf keiner Karte tauchen die Namen Mompracem und Keraman gleichzeitig auf, ebenso wenig wie Pulo Tigao und Labuan. Pulo Tigao heißt auf britischen Karten Labuan. Die Lage von Pulo Tigao und Mompracem auf portugiesischen Karten entspricht der Lage von Labuan und Keraman auf den britischen Karten. Da Pulo Tigao später Labuan hieß, ist es folgerichtig, dass aus Mompracem Keraman geworden ist.

Sowohl die Portugiesen als auch die Briten waren vor Ort und haben für ihre Seefahrer verlässliche Karten angefertigt, daher kann man davon ausgehen, dass die Portugiesen jene langgezogene Insel südwestlich von Pulo Tigao (Labuan) als Mompracem bezeichnet haben, die Briten dieselbe Insel als Keraman.

Emilio Salgari hat 1883 mit einer - nicht portugiesischen - Karte gearbeitet, die Mompracem nennt - und zwar in der Position weitab von Labuan. Er nennt übrigens die Insel Keraman im Roman "La Riconquista del Mompracem" (1908): Yanez befährt hier die Route zwischen Labuan und Keraman. Doch da es keine Karte gibt, die beide Inseln namentlich erwähnt (Mompracem und Keraman), hat Salgari 1908 wohl noch eine andere Karte zu Hilfe genommen, eine, die für das 20. Jh. typischerweise den Namen Keraman trug (und nicht mehr Mompracem). Salgari mag selbst nie gewusst haben, dass diese beiden Inseln identisch sind.