Erforschung

Die Tigerflagge

Die Flagge, die Sandokan laut Salgari auf Mompracem und seinen Schiffen führt, zeigt einen Tigerkopf auf rotem Untergrund. So lässt sich auch Sandokans Beiname „Der Tiger von Malaysia“ erklären. Das Symbol des Tigers ist in Asien zwar nicht ungewöhnlich und auch die Farbe Rot kann für Aggression und Kampf leicht gedeutet werden, sodass man Salgari eine gute Kombinationsgabe bei einer möglichen Erfindung der Tigerflagge als Emblem Mompracems unterstellen könnte. Doch die Fahne mit dem Tiger findet sich im lokal-historischen Kontext der Geschichte Nord-Borneos wieder, auf die Salgari zurückgegriffen hat. Diese Flagge wird in der britischen Literatur, die sich mit Brookes Zeit in Borneo auseinandersetzt, mehrmals erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit der Schlacht von Marudu vom 19. August 1845. Admiral Cochrane hat auf britischer Seite gegen Syarif Osman von Marudu gekämpft, der von den Briten als Pirat diffamiert worden war. Dieser Bericht, der die Quelle aller späteren Erwähnungen der Tigerflagge in der britischen Literatur zu der Epoche ist, geht auf einen Augenzeugen zurück, der an der Schlacht auf britischer Seite teilgenommen hat und seinen Bericht in der Zeitschrift "The British North Borneo Herald" im Jahr 1886 veröffentlicht hat. Er schildert dort, wie diese Fahne zunächst von den Briten abgeschossen wurde, herunterfiel und heldenhaft von den Gegnern wieder am Fahnenmast angebracht wurde, was selbst den Briten Applaus abnötigte.

Da nun aber Pascoe seinen Bericht über Marudu erst im April 1886 veröffentlicht hat, kann Emilio Salgari diesen nicht als Quelle für seine Geschichte um Sandokan verwendet haben. Er muss anderweitig auf die Tigerflagge und Marudu gestoßen sein. Denn Marudu kommt auch bei Emilio Salgari als Heimat von Sandokan vor. Es gibt eine längere Passage, in der Sandokans Freund Yanez der nachfragenden Marianna, Sandokans Braut, etwas über dessen Vergangenheit erzählt. Er beginnt seine Erzählung damit, dass Sandokan mit 20 Jahren den Thron von "Maludu" bestiegen an, das er als Reich an den nördlichen Küsten Borneos gelegen beschreibt („Aveva vent'anni appena quando salì sul trono di Maludu, un regno che trovasi vicino alle coste settentrionali del Borneo.“ - Salgari 1991: 248).

Für mich konnte es kein Zufall sein, dass Salgari Marudu, das die Tigerflagge als Nationalflagge geführt hat, als Sandokans Heimat nennt. Also reiste ich nach Marudu. Hier erfuhr ich, dass Sandokan ein Kampfgefährte on Syarif Osmans gewesen. Beide sollen am 19.8.1845 die Festung in Marudu gegen die angreifenden Briten verteidigt haben. Ich erhielt an verschiedenen Orten in der Bucht von Marudu weitere stützende Aussagen zu Sandokans Vergangenheit. Sein Name wurde mir in den Interviews 1993 und 1995 als "Sandokang" und "Sandokoñ" genannt.

1994 riet mir Professor Dr. Luigi Santa-Maria, der ehemals an der Universität Neapel im Bereich der Südostasienkunde tätig war, meine Entdeckung zu veröffentlichen. So erschienen mittlerweile mehrere Artikel über den historischen Sandokan sowie eine Dissertation über Syarif Osman von Marudu, siehe unter Veröffentlichungen.

Schriftliche Tradierung von Sandokan

Doch Sandokan ist nicht nur mündlich und ausschließlich in Marudu tradiert. Sein Name taucht auch in schriftlicher Berichten und Genealogien auf, und zwar immer als Vorfahr von Pengiran Sammah, entweder als sein Großvater oder Großonkel. Die früheste mir vorliegende Erwähnung stammt von Charles Agar Bampfylde. Er arbeitete für die British North Borneo Company, die ab 1881 über den Norden Borneos herrschte, und schrieb 1883 seinem Vorgesetzten, Gouverneur Treacher, von seinem Besuch in Melapi in der Nähe des Flusses Kinabatangan. Die British North Borneo Company war an den dortigen Vogelnesterhöhlen interessiert und musste sich mit Pengiran Sammah, in dessen Besitz sie waren, auseinandersetzen. Die Anwohner hatten Bampfylde erzählt, dass die Höhle Gomantong von einem gewissen Sandukur, einem Vorfahren von Sammah, in Besitz genommen worden war. Er hatte sie gegen Raubzüge aus Marudu und Sulu verteidigt und den Sultan von Sulu darum gebeten, dafür zu sorgen, dass diese Raubzüge aufhören. Der Sultan hatte dafür eine der Höhlen erhalten. Dessen Schwester siedelte überdies am Kinabatangan und erhielt auch eine Höhle, ebenso wie der Sohn des Sultans.

Auch Harrison (1966) und Bhar (1980) berichteten von Sandokan, der hier als „Sandukong“ bzw. „Sindukung“ auftaucht. Beide hatten einen Nachfahren von Sandokan, nämlich den Senator Pengiran Digadong Galpam, getroffen, der den Anspruch seiner Familie auf den Besitz der Höhlen nach der Herrschaft der British North Borneo Company rechtfertigen wollte und von der Erlangung der Höhlen durch Sandokan erzählte. Bhar hat die Legende um die Mutter Sandokans und um seine beiden Brüder aufgezeichnet. Die Mutter namens Adoran galt als eine Art Heilige („orang keramat“), da sie den Krieg vorhersagte, der zwangsläufig folgen würde, wenn man die Nester aus den Höhlen entfernte. Tatsächlich wurde Pengiran Sammah im Kampf um die Höhlen im Februar 1884 von den Briten erschossen. Zu der Zeit lebte die Familie in Melapi am Kinabatangan in der Nähe der Vogelnesterhöhlen. Sowohl Bampfylde als auch Harrison und Bhar stellten identifizierten Sandokan als Großvater von Pengiran Sammah. Bei allen dreien war Sandokan der erste aus der Familie, der einen Anspruch auf die Höhlen erhob. Noch heute erinnert man sich in Sukau, dem damaligen Melapi, an Sandukur und seine Mutter Adora (ohne "n"), deren Grab einigen Bewohnern bekannt sein soll.

1997 trat ich mit den Nachfahren des Pengiran Galpam in Kontakt und führte ein Interview mit vielen Familienmitgliedern in Sandakan durch, wo die Familie heute in einer stattlichen Villa lebt. Dabei erstellten sie einen Stammbaum, in dem der Begründer des Familienbesitzes als „Sandukung“ erscheint. Ein späterer Nachfahr trägt auch diesen Namen. Auch berichtete man mir, dass Sandokans Vater den Beinamen „Tiger der Lüfte“ („Taribong Mandog Awan“) trug und dass auch andere männliche Mitglieder derart heroische Namen getragen haben sollen, an die man sich aber allerdings nicht mehr erinnert. Seit Sandokan tragen die Familienmitglieder Adelstitel, nämlich „Pengiran Digadong“; die Familie ist auch heute noch politisch sehr einflussreich und wohlhabend, da die Höhlen immer noch bewirtschaftet werden.

Namensvarianten

Sandokan taucht also schrifltich unter folgenden Namen auf: Sandukur (Bampfylde 1883); Sandukong (Harrison 1966); Sindukung (Bhar 1980). Mündlich wird er genannt als: Sandokang/Sandokoñ (Interviews 1993 und 1995, Raum Marudu) und Sandukung/Sandokong (Interviews 1997, Sandakan).

Die Namensvarianten mögen verwirrend erscheinen, doch im südostasiatischen Sprachraum sind Vokalwechsel der Vokale a/u/o nicht ungewöhnlich. Beim auslautenden „ng“ erklingt das „g“ nicht, es handelt sich eher um einen „ñ“-Laut.

Allerdings erwähnt auch Salgari seinen Haupthelden an der allerersten Stelle und nur einmal als "Sandekao", danach aber immer als "Sandokan". Der Name "Sandokan" selbst wird auch in Sabah genannt, und zwar in den Tradierungen von Kota Marudu. Auch die Stadt "Sandakan" wird unter verschiedenen Varianten genannt, unter anderem als "Sondakan" (Hunt, in Moor 1837) , "Sandukam" (von Brooke, 1843) und sogar als "Sandokan" in einer deutschen Zeitschrift (Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, 1873) auf. Alle Namen gehen auf dasselbe Grundwort zurück: "sandok".

Salgari war sich übrigens mit mit der Namensgebung seines Haupthelden am Anfang nicht ganz sicher. So nennt er ihn zweimal „Sandekao“, und zwar jeweils einmal ganz am Anfang der beiden ersten Serienroman-Ausgaben 1883 und 1884. Diese Variante ohne „n“/“ng“ am Ende erinnert an die Überlieferung der Flussbevölkerung des Kinabatangan: „Sandukur“.